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Lebensgeschichte Michel Ebinger

Nach der obligatorischen Schulzeit in Rotkreuz und der Kantonsschule in Zug bewegte sich mein Leben  in den vier Bereichen Politik, Vereinstätigkeit, Journalismus und Studium. Ich gönnte mir keine Freizeit und ordnete alles den vier erwähnten Schwerpunkten unter. Nach dem Studium absolvierte ich die Ausbildung zum Rechtsanwalt. Gleichzeitig arbeitete ich als Untersuchungsrichter. Also auch während dieser Zeit konnte ich es nicht lassen, auf verschiedenen Hochzeiten zu tanzen. Als Kantonalsekretär der FDP Zug halste ich mir ebenfalls ein nicht unerhebliches Pensum auf. Trotzdem fand ich Zeit zu heiraten und meine Frau schenkte mir zwei ganz liebe Töchter. Es ist klar, da ich mich als Rechtsanwalt auch noch selbständig gemacht hatte, dass sowohl meine Frau als auch meine Töchter nicht viel von mir hatten. Zu guter letzt wurde ich dann auch FDP-Kantonsrat für meine Gemeinde.

2001 am 27. September geschah dann das Unfassbare. Ein Irrer (anders kann und will ich es nicht nennen) erschoss 14 Regierungs- und Kantonsräte. Ich wurde zwar nicht von einem Schuss getroffen, doch durch die Wucht einer explodierenden selbst gebastelten Bombe an die Wand des Tisches, an dem ich sass geworfen. Die Folge war eine massive Hirnblutung und Erhöhung des Hirndruckes. Man musste mich für einige Wochen ins künstliche Komma setzen, sonst hätte ich keine Überlebenschancen gehabt. Nach dem Erwachen war ich halbseitig gelähmt und an den Rollstuhl gefesselt. Ich schwor mir jedoch am Schluss aus dem Spital zu laufen und nicht zu rollen. Dank der Hilfe der REHA –Abteilung des Kantonsspitals Luzern gelang uns dies auch. Damals sagte mir die Schulmedizin, ich werde nie mehr ohne Beinschiene laufen können. Ich war misstrauisch! Kann ein Arzt ernsthaft glauben, dass es sinnvoll ist einen Muskel jahrelang in ein Korsett zu zwängen? Ich suchte andere Therapieformen und konnte hierbei auf die Unterstützung des Kantons Zug zählen. Seit drei Jahren trage ich keine Schiene mehr. Ich kann zwar noch keine Bergwanderung unternehmen oder rennen, aber ich kann mit meinen Töchtern in den Tierpark Goldau usw. gehen. Verstehe man mich nicht falsch! Ohne Schulmedizin würde ich nicht mehr leben, aber ich wäre ohne alternative Medizin viel stärker beeinträchtigt, als ich es heute bin. Das grösste Glück, dass ich habe, ist, dass ich nicht als geistig schwerstbehinderter erwachte. Ich bin meiner Ansicht nach (und werde in dieser Meinung von vielen Fachpersonen der Neurologie und Medizin unterstützt) geistig völlig gesund. Einzig das räumliche Vorstellungsvermögen ist noch beeinträchtigt. Mein Problem liegt aber in der Leistungsfähigkeit. Ich kann mich zwar einen ganzen Tag sehr gut konzentrieren, muss dann aber am Folgetag einen Tag Pause einlegen. So bin ich in der Privatwirtschaft und vor allem als Anwalt nicht mehr zu gebrauchen. Ich arbeite freiberuflich im Moment einen Tag pro Woche als Rechtsberater bei einem Verlag. Prozessieren kann ich nicht mehr, der zeitliche Druck würde mich kaputt machen. Da ich aber nicht untätig sein möchte mache ich im Moment die Ausbildung zum Sozialversicherungsfachmann. Ich hoffe die Prüfungen im 2008 zu schaffen. Ich muss mich jedoch damit abfinden, dass ich nie mehr so leistungsfähig wie früher sein werde. Meine Verdienstfähigkeiten werden nie mehr annähernd den Stand vor dem Attentat erreichen. Ich werde also abhängig von den Sozialversicherungen bleiben.

Die wichtigsten Veränderungen ergaben sich durch das Attentat in meinem Privatleben. Meine Frau und ich wollten uns vor dem Attentat scheiden lassen. Da ich aber noch lange nach dem Attentat nicht hätte selbständig einen Haushalt führen konnen, blieben wir noch zwei Jahre zusammen. In dieser Zeit half mir meine Frau wo immer sie konnte. Erst als sie sicher war, dass ich alleine zu recht kommen konnte, willigte sie einer gerichtlichen und räumlichen Trennung ein. Seitdem wohne ich in Rotkreuz. Ich werde meiner Frau immer für Ihren Beistand dankbar sein.

Was sich auch geändert hat ist meine Vorstellung vom Leben. Funktionierte ich früher nur, so lebe ich heute. Ich nehme mir Zeit für meine Kinder, meine Familie, meinen Göttikinder und vor allem für mich. Ich lese viel, gehe ins Dorf an den Markt oder in ein Restaurant einen Kaffee trinken. Mein Leben besteht nicht mehr nur aus Arbeit und Politik. Ruhe ist in mein Leben eingekehrt und die Hektik wurde verbannt. Ich lese viel.

Interessanterweise verursachte das Attentat kein Trauma und ich habe keine psychischen Probleme, wenn es um mich geht. Ich frage mich aber oft, wo der Sinn darin liegt, dass 14 Menschen, die ich mochte, sterben mussten. Mit meiner Situation kann ich leben, aber wäre es wirklich nötig gewesen, dass ein Einzelner so viel Leid über so viele Andere brachte? Mich belastet das Leid der Anderen, für mich bin ich selber verantwortlich und es liegt an mir, mein Leben trotz Beeinträchtigung positiv zu gestalten.

Ich habe nach dem Attentat so viel Hilfe und Unterstützung von so vielen erhalten, dass ich nie in der Lage sein werde, allen hierfür zu danken. So viele Kerzen wurden angezündet, Gebete gesprochen und Briefe geschrieben. Ich bin überzeugt sie waren nicht vergebens!

Michel Ebinger
Rotkreuz