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fNach der obligatorischen Schulzeit absolvierte ich eine Lehre als Eisenwarenhändler und schloss diese mit einer kaufmännischen Zusatzausbildung erfolgreich ab. Aus der folgenden Rekrutenschule ging ein Minenwerferkanonier hervor, der mit Waffen, welche zum Teil aus dem Jahr 1933 stammten, umzugehen wusste.
Im darauf folgenden Frühling, im Jahre 1988, nahm ich mit jugendlichem Elan eine neue Arbeitsstelle im Kanton Zug an. Die Rostlaube von Kleinwagen von damals taugte nicht mehr, also animierte mich der soziale Aufstieg einen andern, flotteren Wagen zu kaufen. Nach zehn Tagen bekam der VW Scirocco an einem Freitagnachmittag eine vermeintlich raffinierte Aufwertung, indem ich neue Räder montieren liess, mit breiten Reifen. Der abendliche Discobesuch führte mich mit einigen Kollegen in mehreren Autos nach Engelberg. Zu nächtlicher Stunde Freitag auf Samstag 22./23. April 1988 traten ein Jugendfreund und ich (ohne Alkohol im Blut) gutgelaunt den Nachhauseweg an. Es bestand die Idee, auf dem Dorfplatz in Stans mit zwei voran gefahrenen jungen Damen ein Rendez-vous abzuhalten. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen:
„In den letzten Kurven abwärts verlor der übermüdete Lenker trotz angepasster Geschwindigkeit die Kontrolle über sein Fahrzeug. Dieses prallte gegen einen steinigen Wehrkegel am Strassenrand und flog anschliessend gegen mehrere Bäume, bis es total beschädigt auf allen Vieren zum Stillstand kam. Beide Insassen wurden aus dem Fahrzeug geschleudert und blieben schwer verletzt liegen. Der Beifahrer wurde beim ersten Aufprall direkt aus der Windschutzscheibe befördert, er war im Gegensatz zum Lenker nicht angeschnallt. Dieser rutschte doch seitlich aus den Sicherheitsgurten, als der Wagen gegen einen Baum wuchtete und die rechte Türe abgerissen wurde. Durch diese Oeffnung konnte auch er entkommen und blieb weit entfernt vom Wrack liegen. Gefunden wurden die Beiden erst gegen den frühen Morgen von zwei Berggängern.“
Während mein Jugendfreund einen Beinbruch erlitt, bin ich für die Zeit von etwa drei Monaten ganz aus der Welt getreten, erlitt ein Schädelhirntrauma (SHT) und war halbseitig gelähmt. Als ich im Koma lag, wurde mir der Kopf rasiert und ein Druckausgleichventil montiert, da die Hirnmasse durch die Quetschung aufschwillt. Gleichzeitig ist mit einem Luftröhrenschnitt die Atmung maschinell sichergestellt worden. Der Kieferbruch und der zertrümmerte rechte Oberarm wurden entsprechend versorgt. Die fünf Wochen Intensivstation mit künstlich verlängertem Koma (um das Hirn ruhig zu stellen) waren nicht nur für mich intensiv, sondern auch für meine Angehörigen, Freunde und Bekannten.
Es begann die Zeit der kleinen Fortschritte. Die Monate gingen einher und erste Lebenszeichen erwachten, liessen Hoffnung zu. Meine Eltern übertrugen mir Energien, wachten täglich am Krankenbett und wussten meine Bedürfnisse zu vertreten. Ich war bereits zum zweiten Mal auf eine neue Abteilung verlegt worden, als mir das Bewusstsein endlich den Prozess verständlich machte und ich allmählich aus einer andern Welt zurückfand. Mit den neuen Verhältnissen zurechtzukommen bedarf Zeit, viel Zeit. Ich wollte wieder alleine mich waschen, aufs WC gehen können – Geduld, welche ich aufzubringen bereit war und auch gar keine andere Wahl hatte!
Anfänglich war das Stehen in einem abgesicherten Gestell für zwanzig Minuten eine Höchstleistung – der Blick aus dem Fenster liess nicht nur eine herrliche Aussicht zu, sondern bescherte einen Blick auf das vorankommende Leben, die Eisenbahn, die Strasse, Joggerinnen Im Herbst wurde ich jeweils während den Weekends nach Hause entlassen und als die Beweglichkeit sich von Woche zu Woche weiter entwickelte, wuchs in mir der Wunsch nach Freiheit. Ich wollte nicht im Defizit verweilen und liess mich von allem Anfang an durch meine (zweck-optimstischen) Eltern anstecken und nahm sachte den aufrechten Gang durch die Welt in Angriff. Nach etwas über neun Monaten konnte ich das Spital ohne Rollstuhl oder Gehhilfe verlassen und lernte allmählich das Leben in seiner neuen Form kennen. In der Rehabilitationsklinik in Bellikon wurde mir in einem breiten Therapieangebot Stück für Stück mehr Lebensqualität zu teil. Insgesamt während vier Jahren verbrachte ich manchen Sommermonat im geschützten Rahmen. Physiotherapie, Ergotherapie, etwas Logopädie, Musiktherapie usw. gehörten zum breiten Angebot dieser Institution. Auch neuropsychologische Sitzungen und viele gute Gespräche förderten mein Gesamtbefinden. Nicht zu verschweigen, dass ich natürlich gerne den hübschen Therapeutinnen zu allen Seiten gefallen habe oder hätte ;-)
Der Weg in die Selbstständigkeit führte mich an einen ersten Arbeitsplatz im Herbst 1989, bei meinem Lehrbetrieb und früheren Arbeitgeber. Eigens für mich wurde eine Stelle geschaffen, an welcher ich bereitgestellte Handwerkzeuge mit Preisetiketten versehen und diese im Selbstbedienungsbereich des Einkaufladens verräumen konnte. In dieser Zeit bin ich ebenfalls von Zuhause ausgezogen und habe in Luzern eine Zweizimmerwohnung bewohnt. Es ging alles sehr schnell und ich fand mich plötzlich im Wechselspiel zwischen Herausforderung und Ueberforderung wieder. Die neue Erfahrung des Alleinseins, die Trauer über das neue Leben als Behinderter, die Blicke der Leute und überhaupt….es war echt zum Heulen!
Da war das Wissen um Angst, um Selbstmitleid, und ich merkte, wie sehr ich davon befallen und gefangen war. Nichts schien Halt zu machen, alles parkierte ungefiltert auf der durch die Schädigung beinahe gelöschten Festplatte. Mein Empfinden wurde feiner und heikler denn je! Alles wurde mit Argusaugen beobachtet, vermeintliche Fallstricke ausgemacht, alle und alles schien mir nicht mehr wohl gesinnt zu sein. Als Ausweg legte ich meine inzwischen bemühende Arbeit nieder und entschied mich für eine Ablenkung von meinen Sorgen. Also zog ich los um die Welt zu erobern, besserte in England während fünf Wochen meine Sprachkenntnisse auf.
Doch ehe er sich versah, war er mit einer Frau liiert und zog schon bald bei ihr ein. Wie schnell ein Kind gezeugt ist, wurde mir bewusst, als der Bauch meiner heutigen Ex-Frau zu wachsen begann. Ich nahm die gestellte Herausforderung an und entwickelte ungeahnte Kräfte und Fähigkeiten im Umgang mit Kindern, etwas weniger auch in der Hausarbeit. Mit getauschten Rollen stand dem zweiten Kind nichts im Weg. Seit 16 Jahren gehören Luana und Nico zu meinem Alltag.
Einige Jahre habe ich in der Organisation „FRAGILE.CH“ mitgewirkt, welche sich um Belange von Hirnverletzten und ihrer Angehörigen annimmt. Das Tätigkeitsfeld hat sich von der Betreuung der Homepage zum Assistenten der Abteilung „Begleitetes Wohnen“ verändert. Begonnen hat diese Tätigkeit mit einem Pensum von 14 täglich à 3 Stunden und konnte mit der Zeit verdoppelt werden. In der zweiten Legislatur bin ich bei der MIGROS als Genossenschaftsrat und in der Sitzungsvorbereitung tätig. Als Mitglied der "Kommission für die Gleichstellung zwischen Frau und Mann des Kt. Luzerns" konnte ich von 2003 bis zur Auflösung des Gremiums anno 2007 als Vertreter von manne.ch für die Interessen der Männer, Väter, Familienmänner und der Behinderten einstehen. Im Kirchenchor St. Paul in Luzern singe ich den tiefsten Bass (bin also quasi der Bassil!) und wirke seit einigen Jahren erst als Aktuar, dann als Vizepräsident und neu als Präsident aktiv mit. HIRNVERLETZT „Verkehrsunfälle und ihre Folgen“ – so heisst der Titel der DOK-Sendung aus dem Jahre 2006, bei welcher ich mitgewirkt habe. Die breite Resonanz, die der Film hervorrief, hat mein Leben auch ein Stück verändert und die Arbeit für die Sache von pro integral ist aus dieser Quelle entstanden. Michel Bätscher und Amanda Huber haben sich an mich gewendet und ihr Tun vorgestellt. Heute bin ich als Stiftungsrat, Sektionsleiter Luzern und Sachbearbeiter in Teilzeit breit in das Projekt eingebunden. Die Idee vom 1. Pflege-Wohn und Beschäftigungszentrum für Menschen mit einer Hirnverletzung in Roggwil BE hat sich in den Köpfen gut eingewirkt, die Planung läuft auf Hochtouren und das eindeutig vorhandene Bedürfnis wird hoffentlich sehr bald richtig Gestalt annehmen.
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