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Erinnerungen an Anderswo

Notizen nach meinem Hirnschlag 1989
Erwin Junker


Es ist Nacht, die Nacht vom 31. März auf den 1. April, ich bin in meinem Bett, daheim.
Ich muss auf die Toilette. Ich stehe auf, gehe ins WC, will zurück ins Bett...
Was passiert ?  Ich kann nicht mehr stehen, es ist mir schwindlig, ein Heer von Ameisen klettert an meinem rechten Bein rauf, den Arm enlang bis zur Achsel, sie zerren mich zu Boden, ich falle langsam um.
Was ist los?  Steh doch wieder auf !  Es geht nicht, ich weiss nicht mehr wie man macht um aufzustehen...
Mein rechtes Bein gehorcht mir nicht mehr, der rechte Arm auch nicht...
Ich darf nicht hier auf dem Boden liegen bleiben, ich muss zurück ins Bett, aber wie ?
Wenn Christiane mich so am Boden liegen sieht fällt sie ohnmächtig um, ich kenne sie, ich darf nicht hier bleiben !
Ich versuche mich in mein Zimmer zu wälzen, ich klammere mich an etwas, es gibt nach...
es macht Lärm...
Jetzt kommt Christiane, sie sagt etwas, sie fällt um...
Ich muss wach bleiben, sonst sind wir kaputt...
Jemand spricht zu mir, fragt nach meinem Namen, meinem Geburtsdatum.
Es schaukelt, ich liege in einem Fahrzeug, bin auf einem Bett angebunden. Es muss ein Krankenwagen sein.
Tönt die Sirene ?  Stelle ich mir die Fage, oder frage ich ?
Sie fahren mich in den Spital !

*   *   *

Ich bin leicht, wie wenn ich fliegen würde...  aber ja, ich schwebe...  bin weit oben, nahe der Zimmerdecke...
Drunten sehe ich ein Bett, auf einem Podium...  es muss sich um jemand wichtigem handeln.
Aber, das bin ja ich im Bett... ich hebe die geballte Faust.

*  *  *

Ich höre weinen, „bleib Papa, wir brauchen dich noch“.
Es ist die Stimme meiner Tochter, Myriam. Wo ist sie ?  
Ich sehe sie, dort unten, neben dem Bett, rechts.
Daneben steht Christiane, meine Frau, wie sie weiss ist…

*   *   *

Ich bin allein,
liege im Bett.
Warum ist mein Bett so hoch ?  Es wird mir schwindlig.
Nein, ich kann nicht aufstehen, ich würde umfallen.
Warum rennen immer wieder Frauen in weiss neben meinem Podium vorbei?
Ich höre etwas, unklar, wie das Gemurmel einer Menschenmenge. Es kristallisieren sich Stimmen heraus, Stimmen in sehr hohen Tonlagen. Ich verstehe nicht was sie sagen, es muss aber sehr wichtig sein.
Ich habe Schlaf, ich bin so müde...

*   *   *

Träume ich ?  Vielleicht habe ich zu viel getrunken ?  
Alles taumelt...
Da ist Dominique, mein Ältester Sohn, warum sind seine Augen voller Tränen ?
Ich höre weinen, ich versuche zu sehen was los ist, warum ist alles so nebelig ?
Es ist wie wenn man das Objektiv eines Projektionsapparates einstellen würde.
So, jetzt ist es deutlich.
Serge, mein zweiter Sohn, er scheint Kummer zu haben, er weint.
Hoffentlich ist Christiane nichts passiert, wo ist sie?  Warum ist sie nicht da ?
Ich habe Schlaf...  ich bin....so müde…

*   *   *

Warum wache ich immer während der Nacht auf ?
Das Licht brennt.
Ich bin allein.
Alles ist weiss.
Ich muss mich in einem Keller befinden, vielleicht in der Leichenhalle ?  
Rundherum sind Vitrinen mit Lamellenstoren.

*  *  *

Was tönt so laut in meinen Ohren ?
Hat man Schlaf, wenn man tot ist ?
Ich habe Schlaf…

*   *   *

Seit wann habe ich zwei rechte Arme ?
Einer ist tot.
Warum wirft man ihn nicht weg ?
Er nimmt zu viel Platz ein in meinem Bett, lässt meinem richtigen Arm zu wenig Raum.
Ich versuche den toten Arm aus dem Bett zu werfen.
Ich kann’s nicht.
Niemand will mir helfen…

*   *   *

Es ist hell lichter Tag, ich bin nicht mehr im Keller !
Jemand spricht zu mir, es hat noch ein anderes Bett im Zimmer. Der Mann der mir etwas sagt sitzt auf dem zweiten Bett.
Was sagt er ?  Was für eine Sprache spricht er ?  Wer ist es ?
Eine weisse Gestalt huscht vorbei...  eine Krankenschwester.
Ich muss die Augen schliessen, es ist zu hell, zu viel Sonne, nicht schlafen sonst stecken sie mich wieder in den Keller...  ich will nicht…
Ich bin so müde…

*   *   *

Es ist Nacht, schwarz-dunkle Nacht...
Ich glaube ich bin im Bett, ach ja, ich bin im Spital.
Ich kann nicht atmen, ich bin am ersticken...  wo ist der Lichtschalter ?  Ich will das Licht einschalten...
Ich hebe den Arm, ich kann ihn nicht richtig ausstrecken, stosse an etwas… doch nicht die Zimmerdecke ?
Nein, es scheint aus Holz zu sein...  ich taste links, ich taste rechts, überall dasselbe.
Ich bin eingeschlossen !  In was ?  Wo ?  
Ich klopfe ans Brett vor meinem Gesicht, es tönt wie in einer grossen Halle. In meinem Kopf gibt es wie ein Echo…
Niemand kommt trotz dem Riesenlärm den ich mache...
Ich ersticke... ist das warm…  ich schwitze…  Hilfe, Hilfe…
Niemand kommt…  Hilfe !
Der Klingelknopf !  Ich bin gerettet !  Ich drücke darauf…
Eine Türe geht auf... das Licht geht an... ich bin nicht mehr eingeschlossen !
Die Nachtschwester…  Hilfe, rettet mich !
Es ist zu warm, öffnet das Fenster, ich ersticke…
Der Arzt, wir werden morgen sehen…
Ich bin müde…
Ich habe Schlaf…
schlafen... schlafen…

*   *   *

Das Telefon läutet, mein Zimmernachbar gibt mir den Hörer, es ist für mich.
 - Hallo,  Junker.    Hei, Erwin, Helene.
Es ist das erste Telefon seit ich wieder „da“ bin. Es tut gut, ich lasse alle Grüssen dort draussen, im Burgenland. Ich finde die Namen nicht, es macht nichts, ich lasse einfach „alle“ grüssen.

*   *   *

Noch ein Telefon. Mein Chef, er sagt ich soll rasch gesund werden, ich soll mir keine Sorgen machen. Das Wichtigste sei gesund zu werden, alles andere zähle nicht. Er werde mich besuchen sobald er Zeit habe.
Es stimmt, früher arbeitete ich...
ist das weit weg…

*   *   *

Wie spät ist es?  Der Wecker auf meinem Nachttisch sagt halb sechs.
Aufstehen, Toilette machen, frühstücken, runter ins Büro im Kellergeschoss.
Der automatische Telefonbeantworter blinkt, es hat also jemand angerufen. Heute sind es
vier Anrufe die zwischen 20 Uhr und 6 Uhr eingetroffen sind. Drei haben aufgehängt ohne etwas aufs Band zu sprechen, ein einziger bittet mich zurückzurufen. Einer der anonymen Anrufe muss von meinem Chef sein, die Geräusche im Hintergrund sagen es mir. Er spricht fast nie aufs Tonband, er scheint es nicht zu lieben.
Wie jeden Tag packe ich meine Reisekoffern, mehr als 30 Kilo Kataloge und sonstige Papiere die ich für meine Arbeit brauche.
Alles ins Auto.
Christiane schläft noch, tschau, ich muss gehen.
Mein erster Termin ist um halb neun, ich muss vorher aber noch mehr als 120 Kilometer fahren.
Mein Chef hat mir ein Telefon im Auto installiert, damit „gewinne“ ich viel Zeit, ich kann während der Fahrt vieles erledigen. Oft merke ich gar nicht dass ich schon mehr als 100 Km gefahren bin, ein Anruf folgt dem anderen.
Am Mittag esse ich mit einem Kunden, kann so noch einiges erledigen ohne Zeit zu verlieren.
14 Uhr, neuer Termin, neue Geschäfte, neue Probleme, oft aber auch neue Freuden und neue Erfolge.
Gewöhnlich verlasse ich meinen letzten Kunden um die 17 Uhr, dann nichts wie heim; 120 Km, punktiert durch Telefonanrufe. Mein Diktiergerät erlaubt es mir aufzunehmen was ich nicht vergessen darf.
Um 19 Uhr lange ich meistens daheim an. Im Büro hat der Telefonbeantworter dafür gesorgt dass es mir nicht langweilig wird :  Reklamationen, Auskünfte und gelegentlich auch eine Bestellung...
Nach dem Nachtessen zurück ins Büro für 1 bis 2 Stunden.
Spätestens um 22 Uhr muss ich ins Bett, ich kann kaum mehr stehen oder sitzen, müde.
Es soll Leute geben die für den Arbeitstag von 8 Stunden kämpfen…
Meistens schlafe ich wie eine Masse und wache morgens um halb sechs auf, ohne dass der Wecker zu läuten braucht.  
 
*   *   *

Es ist hell, ich bin immer noch im Spital, im Bett, ich höre die Vögel singen, es muss früh am Morgen sein. Ich versuche die Zeit auf dem Wecker zu lesen, ich kann’s aber nicht. Den Geräuschen nach ist es bald Zeit zum „Aufstehen“.
- Guten Morgen, gut geschlafen?  Es ist das freundliche, immer gut gelaunte Mädchen das die Frage stellt, unterstrichen von ihrem schönen Lächeln, es wird also ein guter Tag sein.
Frühstück, Milchkaffee, Brot, Butter und Konfitüre. Ich kann’s nicht, meine rechte Hand will nicht... aber die lächelnde Fee hilft. Schade, dass es nicht immer sie ist die uns betreut. Oft ist es eine andere, eine die nicht Lächeln kann, die sogar scheint böse zu sein...  vielleicht bin ich’s, der böse ist?
Mein Zimmernachbar ist sehr sympathisch. Er kann aufstehen, mühsam klammert er sich an die Möbel und die Wand aber er kann auf die Toilette gehen und er kann’s ALLEIN ! !


*   *  *

Ich bin an der Arbeit, in Basel, mein Büro ist gut und schön eingerichtet. Ein Wandklappbett für die Tage an denen ich nicht heim kann. Solche Tage werden immer zahlreicher als diejenigen die ich mit meinen Lieben verbringen kann. Arbeiten um etwas zu erreichen, um die Zukunft meiner Familie zu sichern…  
Es ist 6 Uhr früh, die einzigen Momente hier in den Büros, an denen ich arbeiten kann ohne ständig von Telefonanrufen gestört zu werden. Fast niemand kann hier Französisch deshalb enden die meisten Anrufe in dieser Sprache bei mir.
Der Chef kommt, er bringt frische Gipfel, ich braue mir einen Kaffee.
So viel Büroarbeit ist zu erledigen. Zwar ziehe ich die Reistätigkeit vor, Kunden besuchen und beraten, Möbel verkaufen, Geschäfte machen. Wenn aber die administrative Arbeit nicht erledigt wird leiden die Geschäfte darunter. Ein Teufelskreis !
Für meinen Chef ist all dieser Papierkram unnötig, wenn ein Kunde ihn fragt an wen er sich wegen einer Reklamation wenden müsse antwortet er, ohne zu lachen: „an meine Grossmutter“ - und, wo ist sie, ihre Grossmutter, in den Büros in Basel ?  - ja in Basel, aber im Friedhof !
Es ist nicht einfach alles allen recht zu machen.
Wenn ich im Büro arbeite fühle ich mich schuldig, weil ich nicht auf Reisen gehe, wenn ich die Kunden besuche fühle ich mich schuldig, weil ich den Papierberg auf meinem Schreibtisch nicht erledige...
Ich glaube, das ist was man STRESS nennt ! !

*  *  *
Der Arzt hat gesagt dass ich heute aufstehen darf.
Ich habe Angst !
Eine Krankenschwester bindet mir die Beine ein, ich sitze am Bettrand, man zieht mir Schuhe an.
Zu zweit helfen sie mir aufzustehen. Zum Glück, es ist verdammt schwer mit diesem schiefen Boden, mit meinen eigensinnigen Beinen, dem Kopf in dem sich alles dreht.
Schlussendlich gelingt es mir die drei Schritte zu machen die mich vom rettenden Stuhl  trennen, immer gestützt von zwei Krankenschwestern.
Uff...  bin ich stolz, ich bin nicht mehr im Bett ! !
Im Inneren aber empfinde ich es wie eine Katastrophe, ich bin kaputt, nie mehr werde ich gehen können, Panik überkollt mich.
Meine beiden Schutzengel helfen mir ins Bett zurückzukehren, sie nehmen mir die Binden von den Beinen und beginnen dieselben aufzurollen, ich frage ob ich das selber machen darf, erstaunt lassen sie‘s mich tun. Ich muss meine rechte Hand richtig anschnauzen bis sie die richtigen Bewegungen macht die es mir erlauben die Binde aufzurollen. Es gelingt mir. Ich bin stolz auf mich.
Ich bin also nicht vollständig kaputt !    

*   *   *

Ich stehe auf, die Morgendämmerung schleicht sich langsam ins Zimmer, der Boden schwankt, mein Kopf ist voller Tamtams. Gestern abend waren wir Nachtessen mit Kunden, mein Chef hat mich gebeten anschliessend mit den Kunden in ein Nachtlokal zu gehen, er selber ging heim, er war zu müde.
Hin und wieder ist es ganz angenehm sich ein wenig zu entspannen, wenn man aber erschöpft ist sieht das ganz anders aus.
Bah, ein oder zwei Aspirintabletten werden das Dröhnen in meinem Schädel schon bewältigen können.
Es ist ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag. Ein Kunde von zwei ist unzufrieden, er erwartet eine Antwort aus Basel, seit mehreren Tagen zieht man ihn hin und her, er hat die Ware nicht erhalten, hat falsche Ware gekriegt, usw., usw.
Ich versuche all diese Probleme am Telefon zu lösen, zwischen zwei Überholmanöver im 120 Km Tempo...

Zeitweise dreht sich alles in meinem Kopf, kein Wunder mit all den Gedanken die dort herumtanzen.
Ein Telefonanruf vom Chef; für wieviel hast du heute verkauft, wieviel gestern, was hast du für morgen vor  usw. usw. usw...
Er ist nicht zufrieden, ich sollte mindestens zehn Mal mehr verkaufen, ich sei ein Unfähiger…
Wenn ich zu wenig verkaufe werde ich nicht genug verdienen um meinen monatlichen Verpflichtungen nachzukommen…
Ich muss also mehr arbeiten, mehr verkaufen.
Wie ?...  Wie ?...

*   *   *

Besuchs-Zeit, für mich heute niemand. Christiane hat gesagt, dass sie spät kommen werde, sie müsse, ich weiss nicht mehr wohin.
Die Zeit geht vorbei, immer noch kein Besuch, keine Christiane. Ich döse vor mich hin…
Ich höre die Sirenen von Krankenwagen, ich sehe einen Autounfall… aber nein, sie fährt vorsichtig. Immer noch diese Sirenen, nein, das ist das Signal das sagt dass die Besuchszeit abgelaufen ist.                                                    
Wird meine Ahnung Wirklichkeit ?  Ich kämpfe gegen die Bangigkeit, ich schwitze…
Die Tür geht auf. da ist sie !  Es ist wie wenn ich wieder besser atmen könne, ein Klotz fällt mir vom Herzen, welche Erleichterung !
Mach mir nie mehr solche Angst ! !

*   *   *

Schon der 15. des Monats, wieder einmal ist der Check für meinen Gehalt und meine Spesen noch nicht eingetroffen. Fast jeden Monat muss ich „bitte - bitte“ machen um das zu erhalten was mir zusteht. Ich soll vor allem spüren, dass ich abhängig bin.
Für meinen Chef sind die Familien seiner Angestellten ein unnötiges Gewicht an den Füssen seiner Mitarbeiter. Die Frauen seiner Vertreter sind geldsüchtige Kreaturen die ihre Männer dazu stossen Gehaltsaufbesserungen zu verlangen, die Kinder sind nur dazu da das Geld ihres Vaters für unnötige Dinge auszugeben.
Die Familie nimmt seinen Angestellten zu viel Energie, Energie die sie lieber einsetzen sollten damit die Geschäfte ihres Patrons noch besser gedeihen.
Es liegt nicht auf der Hand unter diesen Bedingungen zu arbeiten, die Kunden zu besuchen, glücklich auszusehen und den Geist in Frieden zu haben, wenn alle diese Sorgen im Kopf rumspucken…

*  *   *

Besucher, Kunden, Freunde, das macht grosse Freude, am liebsten würde ich sie in die Arme schliessen. Ich erkenne sie, weiss wer sie sind, erinnere mich oft an den Familiennamen, kann aber die Vornamen nicht finden...
Ich weiss, dass wir uns duzen, wie ist aber der Vorname ?
Mir nichts anmerken lassen, sie dürfen’s nicht wissen... ich will ihnen keinen Kummer machen…

*   *   *

Ich wache auf, durchs Fenster sehe ich die von Sonne überfluteten Felder, blühende Apfelbäume, mit Blumen gespickte Wiesen.
Ist das schön !  Wie wenn ich es zum Ersten Mal sehen würde.
Eines Tages werde auch ich wieder mit Kaly durch die Felder streifen. Ah, ja, wir haben eine Hündin, Kaly, ein belgischer Schäfer, rabenschwarz.
Sie muss sich fragen warum ich sie nicht zu mir lasse, warum ich sie nicht mehr liebe.
Auf einmal weiss ich wieder dass das Leben noch aus anderen Sachen besteht als ein Spitalzimmer, dass es andere Sorgen gibt als diejenigen zu wissen was es heute zu essen gibt, ob heute Besuch kommt...  Ich stelle fest dass ich seit einer Ewigkeit nur noch an heute, jetzt und hier denke, dass ich mir nicht mehr bewusst war dass es ein „draussen“ gibt, dass sich „draussen“ allerlei abspielte. Dass auch ich eines Tages dieses „draussen“ wieder sehen werde...
Draussen muss das Leben weitergehen, mit denselben Sorgen wie früher.
Es ist monstruiös, ich ertappe mich beim Gedanken ob ich es hier nicht besser habe,  als „Draussen“… ohne Sorgen, du brauchst nicht nachzudenken...  andere entscheiden für dich…
Ich habe Angst vom „Draussen“…

*   *   *

Ich ziehe um, in ein anderes Spital, „Gravelone“, die Rehabilitation beginnt.
Ich bin in einem Rollstuhl, in einem kleinen Bus, wir fahren durch Sitten. Ich erkenne die Strassen, die Geschäfte, ich erinnere mich nicht dass es „früher“ so einen regen Verkehr gab, waren die Autos und die Fussgänger auch so nervös?
Unser Bus klettert den Hang rauf, man hatte mir erklärt dass Gravelonne sich etwas oberhalb von Sitten befindet.  
Der Bus hält an, der Fahrer öffnet meine Türe, er ladet mich mit meinen Rollstuhl aus, schiebt mich in Richtung einer grossen Türe, ist es das Tor eines neuen Gefängnisses ?
Ich warte in meinem Rollstuhl. Eine Krankenschwester schiebt mich in den Lift, es geht nach oben, ich muss also nicht ins Kellergeschoss...  in einem hellen Zimmer hilft sie mir mich auf's Bett zu legen.
Mein neues Spital-Zimmer, es ist weniger modern als dasjenige von Champsec ich finde es aber wunderbar, die Sonne flutet durch die grosse Fensterwand, die Aussicht ist einmalig.
Es hat ein einziges Bett, ich habe also ein Zimmer für mich allein !
Man bringt mir das Mittagessen, ich kann zwischen mehreren Menüs aussuchen, wunderbar!
Nach dem Essen, Katastrophe !  man habe sich geirrt, das sei nicht mein Zimmer !
Mit meinem Bett führt man mich aus dem schönen Zimmer, fast im Rennschritt schiebt man mich durch den Gang, in ein anderes Zimmer. Ein Zimmer mit 6 Betten, drei sind besetzt, ein schnarchender Greis und zwei weitere Urgrossväter...
Zwischen den Betten beige Vorhänge, schaurig...

*  *  *

Ich bin es mir gewohnt immer wieder in einem anderen Zimmer zu schlafen, mein Beruf bringt es mit sich, heute hier, morgen dort.
In der ersten Zeit waren meine Hotelzimmer eher mikerig und einfach, ein Bett, ein Nachttisch und ein hinkender Stuhl waren oft meine Umgebung nach einem langen Arbeitstag. Dusche und WC befanden sich auf dem Gang.
Später hat es sich gebessert, ich konnte es mir erlauben in freundlicheren Gaststätten abzusteigen, die Bette wurden komfortabler, die Möbel schöner, vollständiger, der Tisch fehlte nicht mehr, die Beleuchtung erlaubte es mir meine Reiserapporte zu schreiben. Später gab es sogar das Telefon, den Fernseher und natürlich Dusche und WC.
Meistens war ich so müde dass ich nie lange brauchte um einzuschlafen.

*   * *

Eine Ärztin untersucht mich auf meinem neuen Bett, sie zieht die gelblichen Vorhänge rund ums Bett, so wird wahrscheinlich gemacht, wenn man am Ende ist, wenn man die anderen vor unserem unrühmlichen Abgang verschonen will. es ist doch noch nicht so weit ?  
Nein, die Ärztin findet ich sei in guter Form, sie vergisst aber zu sagen in Form von was...
Sie verspricht mir ein anderes Zimmer, ich glaube nicht, dass ich es lange ertragen würde hier eingepfercht zu sein !
Schlussendlich, nach langem hin und her,  habe ich doch ein Einzelzimmer gekriegt, ich fühle mich wohler.

*   *   *

Ich gewöhne mich langsam an meinen Rollstuhl, es ist nicht einfach damit zu recht zu kommen, wenn die Hälfte des Körpers nicht mitmacht.
Meine Tage sind gut angefüllt zwischen der Physiotherapie, Logotherapie, Arztvisiten, gemeinsamen Essen und den Besuchern.

*   *   *
Heute habe ich mich in meinem Rollstuhl gesehen. In einer Glastüre spiegelte sich mein Bild wieder. Das bin ich also heute geworden… ein kleiner, unförmiger Haufen, der mit verwirrten, verrenkten Bewegungen versucht seinen Stuhl zu bewegen.
Ist das meine Zukunft, mein Leben ?

*   *   *

Ein Orthopäde hat heute Masse genommen, ich soll Spezialschuhe kriegen, damit ich laufen kann. Ich weiss nicht ob ich mich freuen soll. Einerseits ja, anderseits empfinde ich es wie eine definitive Bestätigung, du bist nicht mehr normal…

*   *   *

Kaly liebt es der Rhône entlang spazieren zu gehen, auch ich habe diese relative Einsamkeit, unterstrichen durch das ruhige Gemurmel des Stromes, gerne.
Das erlaubt mir regelmässig etwas zu marschieren, ich spaziere gerne in der Natur und fühle dass ich es brauche.
Während meines Spazierganges macht Kaly die Strecke dank ihrem ständigen hin und her mindesten 3 bis 4 Mal.
Meistens beende ich meinen Spaziergang schweissgebadet. Dann „schnell“ noch ein wenig ins Büro, die Arbeit fehlt nie. Wenn ich wieder in die Wohnung raufgehe bin ich schon wieder von Schweiss gebadet, diesmal ist die Vorbereitung meines morgigen Reisetages schuld daran…

*   *   *

Dank meiner orthopädischen Schuhen kann ich jeden Tag etwas besser gehen. Mit meinem Physio klettere ich die Treppen des Spitals rauf und runter, oder durch die Wege im Park hinter dem Spital, er sagt mir, dass ich bald wieder wie früher marschieren werde…   
Die Sozialassistentin sagt ich müsse mich bei der Invalidenversicherung anmelden !
INVALID ! !  Ich will nicht, ich habe das Gefühl, dass ich damit einen endgültigen Schritt machen würde, ich werde ja bald wieder arbeiten.
Invalidenversicherung !  Das ist doch für Invalide, ich bin nicht Invalid, ich bin doch gesund, in Rekonvaleszenz ! !

*   *   *

Bei der Arztvisite heute morgen wurde mir mitgeteilt, dass ich am kommenden Samstag heim dürfe, auf Besuch fürs Wochenende.
Ich bin ganz närrisch vor Freude, mein Daheim wiederzusehen, Kaly, die Nachbarn...  ich hatte nicht mehr so recht daran geglaubt !
Christiane hat mich mit dem Auto abgeholt, mein alter Volvo, ich kann auf dem Vordersitz Platz nehmen, mein Rollstuhl im Kofferraum.
Conthey, „meine“ Strasse, „mein“ Haus, „meine“ Hündin, nichts hat sich geändert ausser mir... Kaly geht sehr behutsam mit mir um, wie wenn sie verstehen würde was mit mir los ist, sie, die eine richtige Furie sein kann ist ganz ruhig und sanft.
Ich muss alles sehen, mit meinem Rollstuhl inspiziere ich alle Zimmer, jede Ecke, alles riechen.
Es riecht gut, es riecht „Daheim“, ist das gut !

*   *   *

Heute ist grosse Arztvisite; Chefarzt, Physiotherapeuten, Logotherapeuten, und Krankenschwestern. Heute wird die Entscheidung getroffen ob ich endgültig heim kann…  
Ich habe grosse Angst. und wenn ich noch bleiben muss… und wenn sie etwas entdeckt haben das nicht stimmt ?
Ich gebe mir Mühe „gesund“ auszusehen, in Form zu sein, ich demonstriere wie gut ich schon laufen kann…
Ganz offensichtlich lege ich ein Buch neben mich, ich kann lesen... ich muss also heim können !
Ich habe das Examen bestanden ! ! !
Ich darf heim !
Ich werde alles wieder finden was mein Alltag war.
Bald werde ich wieder Auto fahren können, meine Kunden besuchen, arbeiten !
Bald werde ich wieder richtig leben !
Das Leben wird wieder beginnen…
Das Leben ist schön !  !  !
Ich will’s!
Ich glaub’s!
Ich weiss noch nicht, dass es der Anfang von einem Ende ist…

*  *  *  *  *  *  *  *  *  *

Wer bin ich ?

1930 bin ich geboren, ich wollte Koch werden musste aber aus Gesundheitsgründen einen anderen Beruf wählen. Ich habe dann eine kaufmännische Lehre absolviert, mit dem Hintergedanken : "Es kann ja immer dienen… ".
In einem Büro eingeschlossen zu bleiben war nichts für mich. Sehr schnell bin ich Handelsvertreter geworden, bin's bis zuletzt geblieben und hab's nie bereut.
Zwischendurch hab ich auch Zeit gefunden zu heiraten, drei Kinder zu basteltn, ihnen zu helfen gross zu werden, mich zu freuen dass sie selber eine Familie gründeten und mir fünf Kleinkinder schenkten.
Ich freute mich immer an meiner Arbeit, schmiedete grosse Reisepläne für die Zeit meiner Pensionierung…
Dann ging es aber "Wo anders hin"…
Als ich nach meiner Hirnblutung aus dem Spital entlassen wurde konnte ich schlecht und recht ohne Hilfe gehen, mit der Zeit verlangen aber meine Hemiplegie und langsam auch die Hüftarthrose ihr Tribut. Zuerst musste ich einen Stock zu Hilfe nehmen und dann ein Gehgestell mit dem ich nun von einem Stuhl zum, andern humple, bis eventuel die Hüftoperation fällig wird…
Zu Beginn meiner Invalidität habe ich nicht gewusst was mit all der freien Zeit anzufangen. Dann hab ich gelernt mich eines Computers zu bedienen. Ich konnte nun meine Reisen via Internet machen und den fehlenden Kontakt zu anderen Leuten finden und pflegen.  Für mich waren der Computer und Internet sicher die besteTherapie !
Ich habe das Glück eine kämpferische Natur zu sein und zu verstehen das Gute und Schöne zu entdecken, auch wenn es oft gut getarnt ist !


Ich freue mich für alle die in einer recht baldigen Zukunft vom Konzept "Integral" profitieren können.

Erwin Junker